propastoral.de - für Pfarrerinnen und Pfarrer propastoral.de - für Pfarrerinnen und Pfarrer
Home
Gottesdienste
Prop-art-card
Bestellen
Anmelden
Kontakt
Gottesdienste

Predigt als Word-Dokument downloaden

Liturgie als Word-Dokument downloaden


13-03-29-Predigt zu Matthäus 27,33-50

Karfreitag ohne Ostern, liebe Gemeinde,
können Sie das denken?
Kann man das denken?
Geht das überhaupt?
Das hieße ja:
    sich ganz aussetzen,
    das gute Ende nicht mitdenken,
    sich völlig einlassen
- auf das Geschehen, auf den Text.

Ein Wagnis - mit offenem Ende.
Ich möchte mich darauf einlassen.
Kommen Sie mit …
… nach Golgatha,
an den Jerusalemer Hinrichtungsort!

Zweite Stimme:
„Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha,
das heißt: Schädelstätte,
gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt;
und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken.
Als sie ihn aber gekreuzigt hatten,
verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.
Und sie saßen da und bewachten ihn.
Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.
Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt,
einer zur Rechten und einer zur Linken.
Die aber vorübergingen, lästerten ihn
und schüttelten ihre Köpfe und sprachen:
Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber,
wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!
Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester
mit den Schriftgelehrten und Ältesten
und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.
Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab.
Dann wollen wir an ihn glauben.
Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat;
denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.
Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.
Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land
bis zur neunten Stunde.
Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani?
das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Einige aber, die da standen, als sie das hörten,
sprachen sie: Der ruft nach Elia.
Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm
und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken.
Die andern aber sprachen:
Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe.
Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.“

– Musik –
Da stehe ich nun,
auf dem Hügel mit den Kreuzen.
Und an wen halte ich mich?
An die Frauen, die von Ferne zuschauen?
Ängstlich und verzweifelt?
Bin ich einer von denen, die „vorübergingen“?
Nicht nur das:
Die extra hingingen, hinausliefen vor die Stadt, zur Hinrichtungsstätte.
Die die Köpfe schüttelten.
„Seht euch den an!
Kann sich nicht helfen und wollte doch Gottes Sohn sein!“

Stehe ich bei denen, die lästern und spotten?
Und sage nichts?
Wie ich so oft nichts sage.

Gibt es denn keine Hoffnung,
wenigstens ein klein wenig Hoffnung?

Zweite Stimme:
„Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat.“
Müsste es nicht so sein, eigentlich?
Darf ich das denken?
Eine Kollegin erzählte einmal, wie sie als Kind jedes Jahr neu hoffte,
die Geschichte möge anders ausgehen.
Diesmal muss es anders sein!
Sie hoffte, Gott würde eingreifen.
Und seinen Sohn nicht sterben lassen.
Wäre das nicht einfacher gewesen?
Menschlicher?
So dachte das kleine Mädchen damals.
Den Gedanken der Kollegin finde ich menschlich.
Und Anrührend.
Gleichzeitig weiß ich jedoch, dass es eben nicht so einfach ist.
Dass es um mehr geht als um das, was vor Augen ist.
...
Aber zurück nach Golgatha.
Ob ich inzwischen meinen Platz gefunden habe?
Und wo?
Zwischen denen, die
    spotten,
    lästern,
    neugierig sind,
    abwarten.

Motto: Mal sehn, was passiert.

Oder bin ich gar mit am Kreuz?
    Abgestempelt von anderen,
    gemobbt,
    allein mit einer schweren Krankheit,
    in der Nacht der Depression, die keinen Morgen kennt,
    verzweifelt, einsam.

Kreuze gibt es genug.

Ich stelle mich an die Seite.
Zögernd, abwartend, beobachtend.
Erst mal.
Sie schleppen ihn herbei,
ihn, Jesus, der die Hoffnung der Welt war.
Sie geben ihm Wein, vermischt mit Galle,
werfen das Los um seine Kleider.
Die Kreuze sind aufgerichtet.
Er ist nicht der einzige, der heute hingerichtet wird.
Mit ihm zwei Räuber,

Zweite Stimme:
„einer zur Rechten und einer zur Linken.“
Aber es gibt keine Solidarität unter den Leidenden.
Nur Spott und Hohn.
Der immer mehr wird.
Immer gemeiner und hässlicher.
Und persönlicher.
Wie so oft, wenn einmal mit Lästern und Schmähen angefangen wird.
...
Dann wird es finster.
So, als wäre das letzte Licht gelöscht worden,
die letzte Hoffnung vergangen.
Als hätte die Dunkelheit gesiegt.
Schließlich ein Schrei, laut und gellend.
Jesus hat ihn ausgestoßen, vom Kreuz herunter.
Was er schreit, trifft mich bis ins Innerste.

Zweite Stimme:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Das kann nicht sein.
Das darf nicht sein.
So doch nicht.
Und nicht bei Jesus.
Oder?

Zweite Stimme:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Ein Schrei.
Der förmlich herausbricht.
So schreit nur einer, der Angst hat.
Todesangst.
Der sich von Gott und aller Welt verlassen fühlt.
Allein und verzweifelt ist.
Ein zutiefst menschlicher Schrei.
Ein zutiefst menschliches Gefühl.
Dass Gott fern ist, so unendlich fern.
Dass er all das Böse zulässt.
Und nicht eingreift.

Und weiter, was passiert weiter?
Nicht viel, eigentlich.
Die Umstehenden verstehen den Mann am Kreuz falsch.
Wieder einmal.
Absichtlich, wie es scheint.
Meinen, er würde Elia rufen.
Eli, eli – mein Gott, mein Gott.
Bringen ihm Essig zu trinken.
Essig!

Zweite Stimme:
„Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.“

– Musik –
Da stehe ich noch immer auf meinem Beobachtungsposten.
Benommen.
Die Schreie gellen noch in meinen Ohren.
Besonders der erste.

Zweite Stimme:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Dieser Satz wird mir zum Zentrum.
An ihm entscheidet sich viel.
Alles.
Auch heute noch.
Wenn Jesus diese Worte sagte, nein schrie, diese allzu menschlichen Worte,
dann kann ich ihm - vielleicht - auch all die anderen Worte glauben.
Die Worte von Gott.
Von der Freude, dem Leben, der Liebe.
Wenn mir dieser Jesus so nahe ist
im Allerletzten, im Allerschlimmsten …
…dann ist er mir auch sonst nahe.

Zweite Stimme:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Ja, da ist ein Mensch - voller Angst.
Der sich von Gott und Menschen verlassen fühlt.
Der aber zugleich mit Gott rechnet.
Der sich an ihn wendet - als Gegenüber.
„Jesus ruft nach dem Gott, von dem er sich zugleich verlassen fühlt.“1
Das ist wenig und doch viel.
Das ist Hoffnung.
In all den Gefühlen - Angst, Verzweiflung, Einsamkeit, Schmach -,
in all den Gefühlen gibt es Hoffnung.
So wird das Kreuz zum Zeichen.
Zum Lebenszeichen.
Durch die Hoffnung, die eindringt.
Und durchscheint.
Dieses Kreuz verbindet Erde und Himmel,
Karfreitag und Ostern.

Zweite Stimme:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Es ist nur ein schmales Band, eine dünne Verbindung.
Aber sie ist da.
Offen für das Menschliche.
Offen für Gott.
Und offen für mich.

Amen.

Pfarrerin Michaela Grosche, Mainz


13-03-29-Liturgie

Eingangs- und Tageslied: EG 83,1-2.4/RG 445, 1-2.4
(Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld, T: Paul Gerhardt/M: Wolfgang Dachstein)

Eingangs- und Tagespsalm 22, 2-6.12.20

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.
Unsere Väter hofften auf dich.
Und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.
Aber du, HERR, sei nicht ferne,
meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Kyrie
Verbiete uns den Mund, Gott,
wenn wir dabei sein sollten,
das Kreuz Christi schönzureden.
Schneide uns das Wort ab, Gott,
wenn wir dabei sein sollten,
Christi Leid zu verklären.
Fahre dazwischen, Gott,
wenn wir dabei sein sollten,
Jesu Passion einem schlüssigen, theologischen System einzuverleiben.
Vergib uns, wenn wir so tun,
als hätten wir schon ausreichend verstanden
und glaubten bereits mehr als genug.2
Herr erbarme dich.

Gnadenwort
Also hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben,
nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.
Joh 3,16

Gebet
Karfreitag - diesen Tag begehen wir Jahr für Jahr.
Ohne ihn ganz zu verstehen.
Sei bei uns, Gott,
    wenn wir fragen,
    wenn wir dich suchen und zweifeln.

Halte uns aus,
wie du Jesus gehalten hast
in seiner Angst und Not,
damals im Garten
und am Kreuz.
Hilf uns,
neu zu verstehen und zu vertrauen.
Lesung: Jesaja 53,1-12

Lied vor der Predigt: : EG 94,1-4/RG 451,1-4
(Das Kreuz ist aufgerichtet, T: Kurt Ihlenfeld/M: Manfred Schlenker)

Lied nach der Predigt: EG 97,1.4-6/451,1.4-6
(Holz auf Jesu Schulter, T: Jürgen Henkys/M: Ignace de Sutter)

Fürbitten
Lass Ostern werden, Gott,
für die Menschen, die heute sagen müssen:
Mein Gott, warum hast du mich verlassen.

Lass Ostern werden, Gott,
für die Frauen und Männer,
die heute gequält und gefoltert werden
und schreien.
Lass Ostern werden, Gott,
für die Menschen, denen das Leben vergällt wird
durch Hohn, Verunglimpfung und Spott.

Lass Ostern werden, Gott,
für Kranke und Sterbende,
für Müde und Beladene.

Lass Ostern werden, Gott,
auch für uns!

Lobgebet zum Abendmahl
Wir danken dir, Gott.
In Christus kommst du herab zu uns Menschen.
Stirbst unseren Tod,
um uns nahe zu sein.

Mit den Glaubenden und den Zweifelnden,
mit den Hoffenden und den Wartenden,
mit den Glücklichen und den Weinenden,
mit all deinen Geschöpfen im Himmel und auf Erden
loben wir dich:

Sanctus

Vater unser

Schlusslied: EG 98/RG 456
(Korn, das in die Erde, T: Jürgen Henkys)

Segen



1 Thorsten Moos, Predigtstudien 1. Halbband o.J., S. 201.
2 Erhard Domay (Hg.), Neue Gottesdienstgebete..

Predigt als Word-Dokument downloaden

Liturgie als Word-Dokument downloaden


zum Seitenanfang

Die Hoffnung kann lesen.

Hier finden Sie unsere aktuelle Predigt:
16. Dezember 3. Advent

Jahreslosung 2016